NUR SO BUNT UND
SCHRILL SEIN?
SEHR PERSÖNLICHEN BLICKWINKEL
Member of the Supervisory Board of Compugroup and
Board Member of LSU Hessen
Was ist das eigentlich – so ein CSD? Eine Art Volksfest der ‚anderen Art‘? Eine Parade wie an Fasching? Oder wirklich eine ‚Demonstration‘?
Ich selbst war in meinem ‚ersten‘ Leben ein konservativer Mann. Ohne irgendeinen Kontakt in die ‚Szene‘ – also zu Menschen, deren sexuelle Orientierung oder gar Identität von der ‚Norm‘ abweicht. Erzogen von sehr konservativen Eltern mit einer Prise klassisch-christlichem Gedankengut war mir selbst der Gedanke, dass ich etwas anderes wollen könnte als Frau und Familie absolut fremd. Es durfte nicht sein, was ich nicht wahrhaben wollte.
Zudem kam, dass erste Berichte über ‚schwule Männer‘, die ich während meiner Pubertät in Medien wahrnehmen konnte, primär um die sich ausbreitende AIDS-Pandemie unter genau diesen Menschen ging. Der Begriff der ‚Strafe Gottes‘ lief um. Und nein: damit wollte ich sicher nichts zu tun haben. Freddy Mercury vor der Presse – bloßgestellt und peinlichen Fragen zu seinem Gesundheitszustand und seinem Lebenswandel ausgesetzt: das war für mich sehr lange ein Synonym für ‚schwules Leben‘.
Also führte ich ein ‚erfolgreiches klassisches‘ Leben. Mit einer Schulfreundin über lange Strecken ziemlich glücklich verheiratet. Mit zwei großartigen Kindern gesegnet und beruflich erfolgreich. So lief alles bei mir nach außen hin völlig ‚normal‘. Aber dann kam das Internet. Kam mehr Aufklärung. Kam ein langsamer gesellschaftlicher Wandel der Betrachtungsweise von Menschen mit anderer sexueller Orientierung. Und bei mir die Neugier auf das, was ich mir innerlich immer gewünscht und vorgestellt hatte.
Und manchmal sind es Zufälle, die uns zu uns selbst führen. In meinem Fall zu einem bedeutend jüngeren Mann, den meine grauen Haare nicht störten. Dem meine ‚Unerfahrenheit‘, mein Unwissen in ‚diesen Themen‘ nichts ausmachte. Und der mich sanft an die Hand nahm auf eine Entdeckungsreise meines inneren Ichs.
Heute bin ich glücklich verheiratet mit meinem Mann – seit zwölf Jahren sind wir ein Paar. Und dankbar für eine großartige Beziehung zu meinen Kindern und Schwiegerkindern, zu Familie, langjährigen Freunden und früheren Bekannten. Und auch zu Menschen aus der ‚Szene‘.
Und diese ist bunt. So bunt wie der Regenbogen mit in sich verwaschenen Farben.
Als ich im Jahr 1965 geboren wurde, war Homosexualität noch strafbar. Und auch wenn seit einigen Jahren niemand mehr aufgrund des noch existierenden § 175 StGB verurteilt wurde – gesellschaftliche Ächtung gab es noch überall. Und diese wurde durch die Ausbreitung des HIV-Virus verstärkt. Eine kleine Gruppe Menschen, die nicht in der Mitte der Norm leben, der Ausgrenzung freizugeben: das hatte schon immer funktioniert. Und leider auch wieder in den 80er Jahren – in denen ich ‚meine Sexualität‘ finden musste. So wie alle Menschen in der Pubertät.
Der CSD (oder Pride = Stolz, wie der Rest der Welt sagt) ist eine Demonstration. Er dient dazu, Menschen die fast immer zunächst mit sich und dann der Umwelt, der Familie, Freunden in einem Klima der Angst und Furcht vor Repression oder offener Gewalt Mut zu geben. Mut zu sich selbst zu stehen. Und die Freude zu erleben, dass große Teile der Gesellschaft sich dazu bekennen, ‚uns‘ zu akzeptieren. Ob demokratische politische Parteien, ob Kirchen, ob staatliche Organisationen oder Unternehmen – diese Solidarität ist wichtig und richtig. Natürlich jeden Tag – aber am CSD wird es eben gefeiert.
Mein Mann und ich haben persönlich tatsächlich eher zufällig unseren ersten ‚CSD‘ in Halifax, Kanada erlebt. Ein eher verschlafenes Städtchen im großen Land Kanada feiert die ‚Pride‘ mit einem großartigen Demonstrationszug vorbei an fröhlich jubelnden Menschen, die alt oder jung sind, Männer oder Frauen, die meisten sicherlich in heteronormativem Umfeld lebend. Das Gefühl, dort Hand-in-Hand gehend gefeiert zu werden – das war unvergesslich für uns beide. Und wir möchten dieses Gefühl der Verbundenheit gerne immer offen zeigen.
Aber dieses ‚Hand-in-Hand‘ gehen ist nicht ‚normal‘ für uns. Wir überlegen genau, wann und wo wir uns das trauen zu tun. Und zumindest einmal haben wir im grundsätzlich offenen Frankfurt verbal direkte Ablehnung und Beleidigung erfahren müssen. Das geschieht einem heterosexuellen Pärchen sicher nicht.
Aber warum nun muss dieser CSD so bunt und schrill sein? Warum muss es da Leute geben, die optisch eher zum Fasching passen würden? Manche eben ‚verkleidet‘ als Mensch des anderen Geschlechtes – ob als Drag Queen (Travestiekünstler) oder als ‚Transmensch‘.
Die Antwort ist einfach: weil die Welt bunt ist. Weil es mehr gibt als die Vorliebe für dick oder dünn, für groß oder klein, für jung oder alt. Und ganz ehrlich: wen stört es denn wirklich? Kinder erleben Menschen, die Menschen lieben. Die fröhlich sind. Dies ist doch etwas herrliches an sich – oder will wirklich wieder jemand Einheitsfarben in braun haben?
Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell oder einfach queer erleben, haben es nie leicht gehabt, sich zu sich selbst zu finden. Das ‚Coming Out‘ gibt es nicht für heterosexuelle Menschen – und es ist natürlich immer ein mehr oder weniger starkes persönliches ‚Ausziehen‘. Menschen, die das mitgemacht haben, feiern ihren ‚Erfolg‘ und ihre persönliche Freiheit an dem Tag. Und möchten allen anderen mitgeben: traut euch auch. Und das geht nicht still und heimlich. Das geht nicht in einem Trauerzug.
Also genau deswegen muss der CSD laut und schrill und bunt sein. Und genau deswegen feiern wir heute glücklich den CSD mit. Als Regenbogenfamilie. Zusammen mit alten und neuen Freunden. Feiert doch einfach mit. Queer sein ist nicht ansteckend – Freude aber schon. Wenn man sich traut, das zuzulassen.


